Die Energiewende bekommen wir nicht geschenkt. Sie ist eine große Herausforderung und eine große Chance. Gerade die dezentrale Energieversorgung zeigt, wie sich der Ausbau erneuerbarer Energien fördern lässt und gleichzeitig Haushalte finanziell davon profitieren.

Attraktivität lokal erzeugten Stroms

Wird mittels einer Solaranlage im Gebäude Strom erzeugt, ist es angesichts der seit einigen Jahren sinkenden EEG-Vergütung heute attraktiver, den Strom vor Ort zu verbrauchen, anstatt ihn ins Netz einzuspeisen. Einfamilienhaushalte zahlen auf den vor Ort erzeugten und verbrauchten Strom eine reduzierte EEG-Umlage und auch die Netzentgelte entfallen. Damit kostet Eigenstrom rund die Hälfte des Strom aus dem öffentlichen Netz. Auch Mieter in Gebäuden mit Mieterstromangebot müssen auf lokal erzeugten Strom keine Netzentgelte zahlen. Geplant ist außerdem eine Direktförderung, um Mieter und Eigenheimbesitzer bei ihrer lokalen Stromversorgung gleichzustellen. Denn bislang entfällt auf Mieterstrom die volle EEG-Umlage.

Eine perfekte Kombination für die Energiewende

Die Kombination aus lokaler, günstiger und erneuerbarer Stromversorgung und dem Strombezug aus dem öffentlichen Netz ist in zweierlei Sicht ein Treiber der Energiewende. Zum einen werden mehr erneuerbare Energien erzeugt und verbraucht und zum anderen wird gleichzeitig über den Reststrombezug aus dem öffentlichen Netz der allgemeine Ausbau der Netz-Infrastruktur unterstützt. Denn die Haushalte, die selbst Strom erzeugen, verzichten nicht gänzlich auf das öffentliche Netz. Und angesichts von strombasierten Heiztechniken wie Wärmepumpen und der aufkeimenden Elektromobilität tun sie es künftig sogar immer weniger. Meist werden mit dem vor Ort erzeugten Strom zwischen 20 und 60 Prozent des Strombedarfs gedeckt. Wird ein Speicher installiert, dann kann der sogenannte Autarkiegrad bei Einfamilienhäusern bis zu 80 Prozent betragen. Aktuell haben allerdings erst rund 60.000 Haushalte einen Speicher installiert – das ist weniger als ein Prozent aller deutschen Haushalte.

Die große Mehrheit der Haushalte, die Eigenstrom oder Mieterstrom bezieht, treibt vielmehr mit ihrer kombinierten Energieversorgung aus Lokal- und Netzstrom die Energiewende zum Erfolg. Denn nur, wenn sich die Energiewende für die Haushalte wirtschaftlich rechnet, wird es funktionieren. Das hat bereits der Ökostrommarkt bewiesen. Erst seitdem die Ökostromtarife vielerorts günstiger sind als die fossilen Grundversorgertarife, sind sie zu einer echten Alternative auch für die breite Masse der Haushalte geworden.

Mieterstrom im sozialen Wohnungsbau

Die Vorteile von Mieterstromprojekten im sozialen bzw. im geförderten Wohnungsbau unterstreichen den sozialen Aspekt von Mieterstrom. Haushalte mit niedrigem Einkommen kämpfen besonders mit den seit Jahren steigenden Strompreisen. Der Anteil der Stromkosten an den Wohnkosten ist bei ihnen besonders hoch. Durch den Bezug von Mieterstrom können sie ihre Stromkosten im Zaum halten.

Das zeigt auch das Beispiel eines Mehrfamilienhauses mit 300 Mietern im Münchner Stadtteil Aubing. Es wurde nach dem „München Modell“ gefördert und hat das Ziel, Familien mit mittlerem Einkommen preisgünstiges Wohnen zu ermöglichen. Seit November 2015 beziehen die Mieter dort Mieterstrom von Polarstern. Sie decken 60 Prozent ihrer benötigten Energie mit einer Photovoltaikanlage und einem Blockheizkraftwerk. Die Photovoltaikanlage auf ihrem Dach hat eine Höchstleistung von 90 Kilowatt-Peak und das Blockheizkraftwerk im Keller hat 20 Kilowatt elektrische Leistung. Das bringt einem typischen Miethaushalt Stromkostenersparnisse von 20 Prozent verglichen zum Grundversorgertarif. Der Autarkiegrad liegt bei 60 Prozent. Das heißt, die Mieter decken 60 Prozent ihrer benötigten Energie direkt mit dem vor Ort erzeugten Strom. Um den darüber hinaus gehenden Strombedarf in Höhe von 40 Prozent zu decken, beziehen sie Strom aus dem öffentlichen Netz.

Besonders geeignet ist Mieterstrom auch in den östlichen Bundesländern. Hier hilft Mieterstrom, die steigende Belastung durch die Netzentgelte auszugleichen. Während das durchschnittliche Einkommen der Haushalte niedriger ist als in den westlichen Bundesländern, sind die Netzkosten deutlich höher. Die Stromkosten haben somit einen hohen Anteil an den Wohnausgaben.

Derzeit realisieren wir bei Polarstern mehrere Mieterstromprojekte in ostdeutschen Plattenbauten, vorrangig mit dem Ziel, die Stromkosten der Mieter größtmöglich zu senken. In einem Plattenbau mit 100 Wohnungen wird künftig 76 Prozent des benötigten Stroms mit einem Blockheizkraftwerk (BHKW) und einer PV-Anlage gedeckt. Das BHKW hat eine Leistung von 19,2 Kilowatt elektrischer Leistung und die PV-Anlage von 123,45 Kilowatt Peak. Am Ende sinken durch den lokalen Mieterstrombezug die Stromkosten der Mieter um 15 Prozent.

All das unterstreicht das breite Potenzial von Mieterstrom, die Energiewende in die Städte und zur Bevölkerung zu bringen. Zumal im Zuge der geplanten Direktförderung auch benachbarte Gebäude im Sinne eines Quartiers von der lokalen Stromerzeugung direkt profitieren sollen.

Florian Henle ist Geschäftsführer von Polarstern, einem Ökostrom- und Ökogaslieferanten mit Sitz in München.