Mit dem Klimaschutz in der Welt geht es voran. Fast alle wollen mitmachen. Und der Blickwinkel hat sich gewandelt von „Hilfe, die Welt geht unter!“ zu „Wir retten die Welt und verdienen noch daran“. Denn der nötige Umbau der Wirtschaft bringt viele Geschäftsgelegenheiten. Dieser Stimmungsumschwung war bei der UN-Klimakonferenz in Bonn deutlich spürbar. Auch die Verhandlungen selbst sind gut vorangekommen.

Von Anfang an stand fest, dass diese Konferenz eine eher langweilige sein würde. Thema waren die Regeln für die Berichterstattung über den Ausstoß der Klimagase. Was daran so schwierig ist, ist der Öffentlichkeit kaum vermittelbar.

Ein Blick in die jetzt vorliegenden Textentwürfe zeigt, welchen Feinschliff die Klimadiplomaten noch vor sich haben, bis die Regeln 2018 bei der nächsten Klimakonferenz in Kattowitz beschlossen werden: Welches Basisjahr wird für die Berichterstattung zugrunde gelegt? Wie kann man ein System aufbauen, das die tatsächlichen Emissionen weder unter- noch überschätzt? Wie werden alle Emittenten und alle Senken erfasst?

Am Ende wird um Details gehen wie die Frage, wie viele Kühe es in einem Land gibt, was sie fressen und wie viel Methan bei der Verdauung entsteht. Bis auf diese Ebene herunter buchstabiert in Deutschland das sogenannte CO2-Inventar die Dinge aus.

Eine andere Erzählung

Um dieses Kleinklein mit einer anderen Erzählung zu überlagern, hat die Präsidentschaft von Fidschi klugerweise einen eigenen Raum für die vielen nicht-staatlichen Akteure geschaffen. Sie überholten die nationalen Regierungen rechts und links beim Engagement für den Klimaschutz.

„Bei der Klimakonferenz 2009 in Kopenhagen haben wir mit einer ganz kleinen Veranstaltung angefangen“, berichtete der frühere Gouverneur von Kalifornien, Arnold Schwarzenegger. Seitdem ist das Selbstbewusstsein von Städten und Regionen gewachsen: „Die Regierungen unterhalb der nationalen Ebene kontrollieren 75 Prozent der Emissionen. Trump bedeutet gar nichts. Wir machen weiter mit all unseren Lösungen“, versprach Schwarzenegger.

Sogar hartnäckige Verweigerer beginnen jetzt umzuschwenken. So hat die Regierung von Indonesien eine Initiative für niedrige Kohlenstoffentwicklung bekannt gegeben. Was hinter dem schwammigen Begriff steht, muss sich erst zeigen. Aber noch 2016 hatte die Regierung den Bau von Kohlekraftwerken mit einer Leistung von 35 Gigawatt angekündigt. Nun teilt sie mit: „Wir können kein nachhaltiges Wachstum haben, ohne die Folgen des Klimawandels zu berücksichtigen.“

Auch die USA meldeten sich mit einer handzahmen Erklärung zu Wort. Trotz des beabsichtigten Austritts aus dem Abkommen von Paris würden die Vereinigten Staaten „ein Führer im Bereich von sauberen Energien bleiben und verstehen, dass die Energiesysteme transformiert werden müssen“, sagte Delegationsleiterin Judith Garber. Das muss mehr als ein Lippenbekenntnis sein, so konstruktiv, wie sich ihre Delegation verhielt.

Kohleausstiegsplan kommt erst 2018

Natürlich gibt es auch Rückschläge. Deutschland bekommt frühestens 2018 einen Kohleausstiegsplan. Polen arbeitet daran, schnell noch Subventionen für seine Kohlekraftwerke auf den Weg zu bringen, bevor neue EU-Regeln in Kraft treten. Und natürlich erschöpfen sich viele Initiativen bisher in Ankündigungen.

So will die Under2-Koalition, die 2015 von Baden-Württemberg und Kalifornien gegründet wurde, erst im September 2018, beim Gipfel des Gouverneurs von Kalifornien, bilanzieren, was ihre Mitglieder zum Klimaschutz beigetragen haben und noch beitragen werden. Aber das Engagement über staatliche Reglementierung hinaus wird vielfältig deutlich.

Was bisher beschlossen wurde, reicht zwar noch nicht, die Erderwärmung auf zwei oder gar 1,5 Grad zu begrenzen. Aber es gibt Fortschritte. Das zeigte ein neuer Bericht von Climate Action Tracker. Mit den darin eingerechneten Aktionsplänen der Regierungen weltweit sinkt die prognostizierte Erderwärmung von 3,6 auf bis zu 3,1 Grad im Jahr 2100.

Offenes und respektvolles Miteinander

Das ist ein guter Erfolg, wenn man bedenkt, dass ein „Weiter so“-Szenario auf fünf bis sechs Grad Erderwärmung hinauslaufen würde. Es zeigt aber auch, wie viel noch geschehen muss.

Dafür bereitete die Konferenz in Bonn den Talanoa-Dialog vor. Talanoa kommt aus dem Pazifik und bedeutet, offen und respektvoll miteinander zu sprechen. Jeder Teilnehmer bekommt Raum, seine eigene Geschichte zu erzählen.

„Keine Geschichten, die mit ,Es war einmal’ beginnen“, erklärt Lice Movono, die für die „Fiji Times“ arbeitet. „Sondern die Industrienationen können erzählen, warum es so schwierig ist, aus der Kohle auszusteigen. Und wir können erzählen, warum Klimaschutz für uns so dringlich ist“, sagt Movono. Bei der Klimakonferenz in Kattowitz soll auf dieser Basis eine Erhöhung der freiwilligen Emissionsminderungen aller Staaten auf den Weg kommen.

Die Emissionen aus der Landwirtschaft werden jetzt ebenfalls angepackt. Nach vielen vergeblichen Anläufen bekommt der Sektor ein eigenes Arbeitsprogramm.

Zuletzt stockten die Verhandlungen noch einmal. Die Entwicklungsländer forderten Planbarkeit für die Finanzzusagen aus den Industrieländern, um sich an den Klimawandel anzupassen – die Geberländer sehen sich daran durch Haushaltsrecht gehindert. In einer Nachtsitzung hat die Klimakonferenz die letzten Streitpunkte geklärt. Mit dem Thema wird sich im Mai die jährliche Vor-Konferenz zur Klimakonferenz befassen.

„Reiche Länder drücken sich vor Verantwortung“

Überraschend kam noch einmal das Thema der Ambitionen für die Zeit vor 2020 auf den Tisch. Je mehr bis dahin für den Klimaschutz getan wird, umso leichter wird es sein, die Klimaziele für 2050 zu schaffen. Die Entwicklungsländer erreichten, dass es 2018 und 2019 eine Bestandsaufnahme dazu gibt, was die Industrienationen leisten. „Das wird letztlich ergeben, dass sich die reichen Länder weitgehend vor ihrer Verantwortung drücken, sowohl hinsichtlich ihrer schwachen Klimaschutzziele als auch beim eher mäßigen Fortschritt bei der finanziellen Unterstützung der ärmeren Länder“, ist der Klimaexperte Jan Kowalzig von Oxfam pessimistisch.

Immerhin wird ein Fonds für die Unterstützung der armen Länder aus dem ersten Klimaabkommen von Kyoto in das von Paris umgezogen. Dieser Anpassungsfonds war zuletzt von der Bundesregierung mit 50 Millionen Euro aufgefüllt worden. Da das Kyoto-Protokoll 2020 ausläuft, war die Zukunft des Fonds zunächst ungeklärt.

Die Reaktionen zu den Beschlüssen vielen überwiegend positiv aus. Enttäuschend ist für Entwicklungsorganisationen, dass das Thema „Schaden und Verluste“ nicht vorangetrieben wurde. Dabei geht es um nicht wiedergutzumachende Schäden durch den Klimawandel. Während die armen Länder auf Hilfe angewiesen sind, fürchten die Industrieländer, für jeden Wirbelsturm haftbar gemacht zu werden. Positiv wurden die Beschlüsse zu mehr Geschlechtergerechtigkeit im Gender Action Plan und die Bildung einer Plattform für die indigenen Völker gewertet. Sie sollen ihre Stimme über die Plattform besser in die Verhandlungen einbringen können.

Der Beitrag erschien zuerst auf Tagesspiegel.de.