Erstes deutsches Nur-Strom-Quartier entsteht in Dahlem

In Berlin-Dahlem wird ein ehemaliges US-Militärkrankenhaus zum Technologie- und Gründungszentrum umgebaut. Bis 2023 soll auf dem 50.000 Quadratmeter großen Gelände ein Technologiequartier für Unternehmen aus den Bereichen Life-Science, Gesundheitswirtschaft sowie Informatik entstehen.

Das Besondere: Die Energieversorgung wird zu 100 Prozent auf erneuerbaren Energien beruhen. Die Nur-Strom-Versorgung des Quartiers ist nach Angaben der Projektpartner deutschlandweit einmalig. Dabei beruht auch die Wärmeversorgung auf Strom. Die Nutzung von Abwärme aus Anlagen des Labore und aus Serverräumen soll die Wärmeversorgung unterstützen.

Auch eine innovative Regelungstechnik sowie ein cloudbasiertes Energiemanagementsystem werden für das Technologiequartier entwickelt. So kann die Energie bedarfsgerecht und flexibel bereitgestellt werden. Im Quartier sind Ladeplätze für Elektroautos geplant, sodass die Sektoren Strom und Verkehr gekoppelt werden können.

In einem Forschungsvorhaben erarbeiten die Projektpartner das Energiekonzept. Die sozialwissenschaftliche Begleitung präsentierte am 11. November erste Ergebnisse zu den Themen Stakeholderanalyse, Technikakzeptanz und Kommunikationskonzept.

Die Zukunft wartet auf uns im Plural, das ITZ erforscht sie

Ob in einem Paralleleuniversum gerade ein zweites Ich genau diesen Text liest? Vielleicht. Aber das ist nicht der Grund, warum die Wissenschaftler des neuen Instituts für Technikzukünfte (ITZ) von der Zukunft im Plural sprechen. Sondern es steht ja noch nicht fest, welche Techniken sich etablieren werden und welche gesellschaftlichen Effekte sie nach ziehen.

Welche Zusammenhänge von Technik, Gesellschaft und Kultur es bei der Technikentwicklungen gibt, erforscht das ITZ unter dem Dach des Karlsruher Instituts für Technologie. Ergebnis sollen neue Perspektiven für aktuelle Technikdebatten wie die Energie- oder die Verkehrswende sein.

Wie wichtig diese Forschung ist, zeigt der Blick zurück. Denn nicht immer hat sich die „beste“ Technik durchgesetzt. „Man kann die Zukunft nicht vorhersagen, indem man das bereits Geschehene linear fortschreibt“, sagt Heike Weber, Mitglied der Leitung des ITZ. Oft haben neue Techniken völlig andere Folgen gehabt, als gedacht.

Als Beispiel nennt die Professorin für Technikkulturwissenschaft die Verbreitung des Mobilfunks und die neuartige Handy-Kommunikationskultur, die sich um die Jahrtausendwende entwickelt hat. „Auf die Frage, ob sie ein Handy brauchen, haben die Leute in den späten 1980er Jahren geantwortet: ‚Warum soll ich aus dem Supermarkt meine Oma anrufen?‘“

Als Zielgruppe hätten die Entwickler und Hersteller wegen der hohen Kosten Geschäftsleute im Auge gehabt, die viel unterwegs sind. „Und genauso wurde die Zukunft des Mobilfunks damals diskutiert“, sagt Weber. Bekanntlich kam es anders. Es sei eben abhängig vom jeweiligen zeitlichen Kontext und den in der Gesellschaft vorherrschenden Werten und Mentalitäten, was vorstellbar sei. Als Konsequenz bezeichnen die Karlsruher Historiker des ITZ die von ihnen untersuchten Leitbilder, Simulationen, Szenarien, Visionen und Utopien lieber als soziotechnische Zukünfte.

Das Auto zum Butter holen schicken?

Dass Menschen neue Technologien keineswegs immer so nutzen, wie ursprünglich angenommen, bedeutet im Umkehrschluss, dass gesellschaftliche Debatten über technische Entwicklungen häufig von einseitigen Vorstellungen geprägt sind. „Es wird zum Beispiel oft erwartet, dass selbstfahrende Auto werde unsere Verkehrsprobleme lösen. Aber vielleicht wird es irgendwann schick, es mal schnell in den Laden zum Butter holen zu schicken. Was dann?“, fragt Professor Marcus Popplow, ebenfalls Mitglied der Leitung des ITZ.

Gerade Mobilitätsentscheidungen seien häufig spaß- und freizeitgetrieben, ergänzt Weber: „Die ersten Autofahrer vor rund hundert Jahren waren gutverdienende Männer, die das Abenteuer suchten. Zweckmäßigkeit hat für sie keine Rolle gespielt.“ Wenn man berücksichtige, dass die durchschnittliche innerstädtische Reisegeschwindigkeit heute wie damals 20 bis 30 Stundenkilometer betrage, habe das Automobil an der städtischen Verkehrssituation nicht viel geändert – im Gegenteil, alternative Mobilitätstechniken wurden sogar beschränkt wie zum Beispiel das Radfahren oder die städtische Tram. „Da müssen wir uns doch fragen, ob es nicht ganz andere Verkehrskonzepte gibt, als Leute in kleine Kapseln auf der Straße zu stecken – ob die jetzt von selbst fahren oder nicht“, meint Weber.

Nicht die vernünftigste Lösung setzt sich durch

„Wenn wir technische Projekte debattieren – etwa die Energiewende oder autonomes Fahren –, gehen wir außerdem davon aus, die vernünftigste Lösung werde sich durchsetzen“, so Popplow weiter. Die Vergangenheit habe indes gezeigt, dass sich beileibe nicht immer die Technik durchsetze, die man im Nachhinein als die effizienteste oder technisch gelungenste bewerten würde. Im Gegenteil. Beispiel Elektromobilität: In den USA gab es 1912 knapp 34.000 elektrisch getriebene Fahrzeuge, so viele wie Anfang 2017 Elektroautos in Deutschland. Warum hat sich der leise und saubere Elektromotor gegenüber dem lauten Verbrennungsmotor nicht durchgesetzt? Wie hat man darüber geredet und wie hat man gehandelt?

Durch das Analysieren vergangener Debatten können fruchtbare Perspektiven für die Gegenwart gefunden werden. „Viele Technologien, die wir heute als normal ansehen, sind einst überhaupt nicht normal gewesen“, sagt Weber. Vielmehr wurden sie über die Zeit hinweg „normalisiert“.

So wird die flächendeckende Einführung des Wasserklosetts, die sich in den europäischen Großstädten in der Zeit um das Jahr 1900 vollzog, heute von vielen Umwelthistorikern als „ökologische Katastrophe“ bezeichnet. Denn im späten 19. Jahrhundert hatten sich zahlreiche Stadttechniker und Ingenieure noch um die Verwertung der Fäkalien als Dünger – heute würde man von Phosphatrückgewinnung sprechen – gekümmert. Dann beendete die Entwicklung des Kunstdüngers das damals durchaus hygienisch problematische „Recycling“.

Heute bemüht sich die Forschung wieder darum, Abwässer stofflich nutzbar zu machen. Eins der effizientesten Verfahren dafür wird gerade in Relzow bei Anklam in die Praxis umgesetzt.

Die jeweiligen Zukunftsvorstellungen, die in einer Gesellschaft oder in Entwicklungslaboren als Visionen zu Energie oder Mobilität kursieren, beeinflussen ganz entscheidend das Verhalten und die Erwartungen der Nutzer, aber auch der Entwickler von Technik. Wissenschaftlich untersucht sind diese Technikzukünfte als wesentlicher Aspekt des technologischen Wandels allerdings kaum. „Dabei lassen sich die gesellschaftlichen Herausforderungen der Mobilitätswende, der Energiewende und der Datenwende doch nur mit Hilfe der Geisteswissenschaften lösen. Denn sie sind keine rein technischen Probleme“, ist Weber überzeugt.

Das im April gegründete ITZ hat es sich deshalb zum Ziel gesetzt, durch die Erforschung vergangener und gegenwärtiger „Technikzukünfte“ und der daraus resultierenden Technologieentscheidungen ein tieferes Verständnis für die Wechselwirkungen technischer, gesellschaftlicher und kultureller Entwicklungen zu erlangen. Die einmalige Möglichkeit am KIT, geistes- und sozialwissenschaftliche Forschung mit den Ingenieur- und Naturwissenschaften zu koppeln, biete dafür ideale Voraussetzungen, meinen Weber und Popplow.

Abbildung: ITZ

Balkonmodule siegen mit Guerillataktik

Kleine Solarmodule für die private Stromerzeugung zu Hause dürfen jetzt direkt an eine normale Steckdose im Haushalt angeschlossen werden. Das ergibt sich aus einem gerade abgeschlossenes Normierungsverfahren.

Um die sogenannte Guerilla-Photovoltaik gibt es seit Längerem eine Sicherheitsdebatte. Bisher waren die Minianlagen einer Dachanlage mit viel höherer Leistung gleichgestellt. Sie durften offiziell nur an einem gesonderten Stromkreis und mit besonders gesicherten Industriesteckern betrieben werden.

Der Verband der Elektrotechnik (VDE) und die Deutsche Kommission Elektrotechnik (DKE) haben die Norm zusammen mit Interessengruppen in einem demokratischen Verfahren überarbeitet. Damit ist das Verfahren aber noch nicht zu Ende: Bis Februar kommenden Jahres wird eine weitere Norm die sicheren Steckvorrichtungen der Module beschreiben, informiert Alexander Nollau vom VDE. Ende 2018 dann wird es eine dritte Norm für die Anforderungen an die Module selbst geben und wie sie geprüft werden.

Dann ist der Weg endgültig frei für einen massenhaften Einsatz von kleinen Solarmodulen. Ein 300 Watt Modul kann immerhin zehn Prozent des Durchschnittsverbrauchs einer Familie erzeugen . „Mit dem Anschluss durch den Laien ist eine entscheidende Hürde für die Demokratisierung der Energiewende genommen“, sagt Marcus Vietzke von der Deutschen Gesellschaft für Sonnenergie (DGS).

Die Module können nicht nur auf dem Balkon, sondern überall, wo Platz ist, aufgestellt werden. „Damit bekommen Millionen von Mietern die Chance, sauberen Strom zu erzeugen und selbst zu verbrauchen“, sagt Vietzke. Er schätzt, dass Balkonmodule in Deutschland ein Potenzial von ein bis zwei Gigawatt haben. „Das ersetzt die Energie aus einem durchschnittlichen Braunkohlekraftwerk mit hohem CO2-und Giftstoff Ausstoß“, sagt er. Zugleich könnten die Kosten für den Ausbau der Energienetze sinken.

Je nach Modell und Standort produzieren solche Module Strom ab vier Cent pro Kilowattstunde. Strom aus der Steckdose kostet zurzeit ca. 29 Cent. „Ich sage vorher, dass auch die Städter den Wunsch nach einer PV-Anlage haben, zumal der Leidensdruck aufgrund der schlechten Luftqualität noch höher ist“, sagt Vietzke.

Die DGS hat ein eigenes Projekt für die dezentrale Energiewende für jedermann gestartet. Bei dem Verband gibt es mit dem DGS SolarRebell eine Kleinst-PV-Anlage zur direkten Einspeisung in das Hausnetz vom Photovoltaik-Anbieter Minijoule. Auch Greenpeace Energie bietet Balkonmudule unter dem Markennamen „Simon“ an. Auch wenn das Nomverfahren noch nicht abgeschlossen ist, darf man sie bereits benutzen. Gibt es auf dem Balkon oder an anderen Standorten, wo das Modul angeschlossen wird, noch keine Steckdose zum Anschluss an das Hausnetz, muss diese aber von einem Fachmann installiert werden.

Foto: Marcus Vietzke von der DGS sowie Michael Friedrich und Jörn Bringewat von Bringewat von Greenpeace Energy freuen sich über die neue Norm. Quelle: Christoph Rasch / Greenpeace Energy

Alle Stadtbusse in Augsburg fahren mit Biomethan aus Reststoffen

Verglichen mit dem Strom- und dem Wärmesektor besteht im Bereich Mobilität noch der größte Anteil fossiler Energie. Die Stadt Augsburg will daran etwas ändern und hat ihre gesamte Busflotte auf Biomethan umgestellt. Dafür hat die Agentur für Erneuerbare Energien die Stadt als herausragendes Leuchtturmprojekt und Energie-Kommune ausgezeichnet.

Bereits seit 1995 haben die Stadtwerke Augsburg ihre Busflotte auf Erdgas umgerüstet. Dieser Prozess war 2010 abgeschlossen. Seit 2011 betreibt die drittgrößte Stadt Bayerns ihre Busse mit Biomethan aus agrarischen Abfällen statt mit konventionellem Erdgas.

2016 wurden dann noch einmal 23 Busse beschafft, die dank eines neu entwickelten Motors im Vergleich zu den anderen Motortypen deutlich bessere Abgaswerte aufweisen. Damit auch die privaten Autos von den Erfahrungen und der Technik im Bereich Biomethan profitieren können, bieten die Stadtwerke diesen Energieträger an vier eigenen Erdgas-Tankstellen an.

„Die Biomethan-Busse unserer Stadtwerke helfen uns dabei, unsere lokalen Klimaschutzziele zu erreichen und leisten auch einen wichtigen Beitrag zur Luftreinhaltung“, sagt Augsburgs Oberbürgermeister Kurt Gribl. „Der Ausstoß von CO2 und Stickoxiden ist deutlich geringer als bei herkömmlichen Antrieben und Feinstaub spielt fast gar keine Rolle“, so Gribl. „Und für das von uns verwendete Biomethan entfällt auch das Thema Flächenkonkurrenz, da es ausschließlich aus agrarischen Reststoffen hergestellt wird“, sagt Stadtwerke-Geschäftsführer Walter Casazza.

Fotocredit: Mailtosap, Wikimedia

Doppelter Vorteil durch dezentrale Energieerzeugung

Die Energiewende bekommen wir nicht geschenkt. Sie ist eine große Herausforderung und eine große Chance. Gerade die dezentrale Energieversorgung zeigt, wie sich der Ausbau erneuerbarer Energien fördern lässt und gleichzeitig Haushalte finanziell davon profitieren.

Attraktivität lokal erzeugten Stroms

Wird mittels einer Solaranlage im Gebäude Strom erzeugt, ist es angesichts der seit einigen Jahren sinkenden EEG-Vergütung heute attraktiver, den Strom vor Ort zu verbrauchen, anstatt ihn ins Netz einzuspeisen. Einfamilienhaushalte zahlen auf den vor Ort erzeugten und verbrauchten Strom eine reduzierte EEG-Umlage und auch die Netzentgelte entfallen. Damit kostet Eigenstrom rund die Hälfte des Strom aus dem öffentlichen Netz. Auch Mieter in Gebäuden mit Mieterstromangebot müssen auf lokal erzeugten Strom keine Netzentgelte zahlen. Geplant ist außerdem eine Direktförderung, um Mieter und Eigenheimbesitzer bei ihrer lokalen Stromversorgung gleichzustellen. Denn bislang entfällt auf Mieterstrom die volle EEG-Umlage.

Eine perfekte Kombination für die Energiewende

Die Kombination aus lokaler, günstiger und erneuerbarer Stromversorgung und dem Strombezug aus dem öffentlichen Netz ist in zweierlei Sicht ein Treiber der Energiewende. Zum einen werden mehr erneuerbare Energien erzeugt und verbraucht und zum anderen wird gleichzeitig über den Reststrombezug aus dem öffentlichen Netz der allgemeine Ausbau der Netz-Infrastruktur unterstützt. Denn die Haushalte, die selbst Strom erzeugen, verzichten nicht gänzlich auf das öffentliche Netz. Und angesichts von strombasierten Heiztechniken wie Wärmepumpen und der aufkeimenden Elektromobilität tun sie es künftig sogar immer weniger. Meist werden mit dem vor Ort erzeugten Strom zwischen 20 und 60 Prozent des Strombedarfs gedeckt. Wird ein Speicher installiert, dann kann der sogenannte Autarkiegrad bei Einfamilienhäusern bis zu 80 Prozent betragen. Aktuell haben allerdings erst rund 60.000 Haushalte einen Speicher installiert – das ist weniger als ein Prozent aller deutschen Haushalte.

Die große Mehrheit der Haushalte, die Eigenstrom oder Mieterstrom bezieht, treibt vielmehr mit ihrer kombinierten Energieversorgung aus Lokal- und Netzstrom die Energiewende zum Erfolg. Denn nur, wenn sich die Energiewende für die Haushalte wirtschaftlich rechnet, wird es funktionieren. Das hat bereits der Ökostrommarkt bewiesen. Erst seitdem die Ökostromtarife vielerorts günstiger sind als die fossilen Grundversorgertarife, sind sie zu einer echten Alternative auch für die breite Masse der Haushalte geworden.

Mieterstrom im sozialen Wohnungsbau

Die Vorteile von Mieterstromprojekten im sozialen bzw. im geförderten Wohnungsbau unterstreichen den sozialen Aspekt von Mieterstrom. Haushalte mit niedrigem Einkommen kämpfen besonders mit den seit Jahren steigenden Strompreisen. Der Anteil der Stromkosten an den Wohnkosten ist bei ihnen besonders hoch. Durch den Bezug von Mieterstrom können sie ihre Stromkosten im Zaum halten.

Das zeigt auch das Beispiel eines Mehrfamilienhauses mit 300 Mietern im Münchner Stadtteil Aubing. Es wurde nach dem „München Modell“ gefördert und hat das Ziel, Familien mit mittlerem Einkommen preisgünstiges Wohnen zu ermöglichen. Seit November 2015 beziehen die Mieter dort Mieterstrom von Polarstern. Sie decken 60 Prozent ihrer benötigten Energie mit einer Photovoltaikanlage und einem Blockheizkraftwerk. Die Photovoltaikanlage auf ihrem Dach hat eine Höchstleistung von 90 Kilowatt-Peak und das Blockheizkraftwerk im Keller hat 20 Kilowatt elektrische Leistung. Das bringt einem typischen Miethaushalt Stromkostenersparnisse von 20 Prozent verglichen zum Grundversorgertarif. Der Autarkiegrad liegt bei 60 Prozent. Das heißt, die Mieter decken 60 Prozent ihrer benötigten Energie direkt mit dem vor Ort erzeugten Strom. Um den darüber hinaus gehenden Strombedarf in Höhe von 40 Prozent zu decken, beziehen sie Strom aus dem öffentlichen Netz.

Besonders geeignet ist Mieterstrom auch in den östlichen Bundesländern. Hier hilft Mieterstrom, die steigende Belastung durch die Netzentgelte auszugleichen. Während das durchschnittliche Einkommen der Haushalte niedriger ist als in den westlichen Bundesländern, sind die Netzkosten deutlich höher. Die Stromkosten haben somit einen hohen Anteil an den Wohnausgaben.

Derzeit realisieren wir bei Polarstern mehrere Mieterstromprojekte in ostdeutschen Plattenbauten, vorrangig mit dem Ziel, die Stromkosten der Mieter größtmöglich zu senken. In einem Plattenbau mit 100 Wohnungen wird künftig 76 Prozent des benötigten Stroms mit einem Blockheizkraftwerk (BHKW) und einer PV-Anlage gedeckt. Das BHKW hat eine Leistung von 19,2 Kilowatt elektrischer Leistung und die PV-Anlage von 123,45 Kilowatt Peak. Am Ende sinken durch den lokalen Mieterstrombezug die Stromkosten der Mieter um 15 Prozent.

All das unterstreicht das breite Potenzial von Mieterstrom, die Energiewende in die Städte und zur Bevölkerung zu bringen. Zumal im Zuge der geplanten Direktförderung auch benachbarte Gebäude im Sinne eines Quartiers von der lokalen Stromerzeugung direkt profitieren sollen.

Florian Henle ist Geschäftsführer von Polarstern, einem Ökostrom- und Ökogaslieferanten mit Sitz in München.

579 Kilometer mit nur einem Liter Benzin

Um den Anforderungen des Pariser Klimaschutzabkommens gerecht zu werden, muss der Verkehr in Deutschland seine Treibhausgasemissionen schnell und drastisch mindern. Das zeigt eine Analyse des Umweltbundesamtes. Eine der Forderungen: strenge rechtliche Vorgaben für mehr Effizienz bei Neufahrzeugen

Wie Effizienz geht, zeigt ein studentisches Team der Hochschule Karlsruhe. Es landete auf einem guten 19. Platz beim weltgrößten Energieeffizienzwettbewerb in London. Der Shell Eco-marathon wird jedes Jahr sowohl in Europa als auch in Singapur und Detroit ausgetragen. Wettbewerbsaufgabe ist die Entwicklung und Konstruktion eines Fahrzeugs, das mit einem Liter Kraftstoff die größtmögliche Entfernung zurücklegt.

Gestartet wird in zwei Kategorien, den „Prototypen“ mit nur wenigen konstruktiven Vorgaben und den „Urban-Concept“-Fahrzeugen, die für den öffentlichen Straßenverkehr geeignet sein müssen. Sowohl konventionelle Kraftstoffe als auch alternative Energiequellen sind für den Antrieb dieser Fahrzeuge zugelassen. Insgesamt waren 192 Teams aus 27 Ländern Europas und Afrikas am Start, darunter 15 aus Deutschland, vier aus Österreich und zwei aus der Schweiz.

Für die Hochschule Karlsruhe ging das Team „High Efficiency Karlsruhe“ mit 30 Studierenden aus den Studiengängen Maschinenbau und Effiziente Mobilität in der Fahrzeugtechnologie in der Kategorie „Prototypen“ mit Benzinantrieb an den Start. Am Ende der Rennwoche erreichten sie auf der anspruchsvollen Strecke den 19. Rang von 59 Teams, von denen es nur 37 überhaupt ins Ziel schafften. Mit nur einem Liter Benzin hatten die Karlsruher insgesamt 579,2 Kilometer zurückgelegt – das entspricht einem Verbrauch von 0,17 Litern auf 100 Kilometer.

Ob solche Ergebnisse helfen, den Verbrennungsmotor zu retten, sei dahingestellt. Die gesamten Kohlendioxid-Emissionen des Pkw-Verkehrs sind zwischen 1995 und 2014 nur um zwei Prozent gesunken, meldet das Umweltbundesamt. Laut Klimaschutzplan 2050 muss der Verkehrssektor bald mehr liefern: Bis 2030 soll er 40 bis 42 Prozent Emissionen im Vergleich zu 1990 einsparen. Mit der stumpfen Forsetzung der individuellen Mobilität im Benzinauto wird das nicht zu machen sein.

Bildquelle: Dominik Störkle

Windstrom an Land kann noch billiger werden

An Land produzierter Windstrom wird in den nächsten Jahren voraussichtlich weiterhin günstiger werden. Eine Analyse der Denkfabrik Agora Energiewende kommt zu dem Ergebnis, dass die Vollkosten an hervorragenden Standorten in Deutschland auf 3 bis 4,5 Cent pro Kilowattstunde sinken könnten – das wäre nochmals ein deutlicher Rückgang gegenüber den 5,25 bis 5,78 Cent pro Kilowattstunde, die heute bei der ersten deutschen Auktion für Windstrom an Land erreicht wurden.

An exzellenten Standorten weltweit werden bereits heute Stromgestehungskosten von 2,7 bis 3,4 Cent pro Kilowattstunde erreicht – so etwa in Marokko, Peru und Mexiko. Windstrom zählt damit zu den günstigsten Energieträgern überhaupt.

Möglich wird diese Entwicklung durch ein weiteres Wachstum der Leistung und Rotorblattflächen – die dadurch möglichen Mehrerträge übersteigen die Kosten dafür bei weitem, heißt es in der Analyse. Kostenreduktionen seien auch bei den Pachtpreisen und den Wartungskosten möglich, die in Deutschland deutlich höher als im internationalen Durchschnitt liegen.

„Technologisch ist die Entwicklung bei den Windkraftanlagen noch längst nicht ausgereizt“, sagt Matthias Deutsch, Co-Autor der Analyse „Future Cost of Onshore Wind“.  „So, wie wir bei Solarenergie und Wind Offshore deutliche Kostenreduktionen durch den Wettbewerb bei den Ausschreibungen gesehen haben, sind diese auch im Bereich Wind Onshore möglich.“

Von der Energiewende zur Großen Transformation

Für eine kritische Beurteilung der Energiewende hat der Berliner Innovationskreis den Elektroingenieur und Soziologen Benjamin Jargstorf zu einer Veranstaltung am 9. Juni eingeladen. Für Jargstorf ist die Energiewende bisher allenfalls eine kleine Stromwende. In seinem Vortrag wird er darstellen, wie eine konsequent verfolgte Energiewende eine „Große Transformation“ (Karl Polanyi 1944) in Gesellschaft und Wirtschaft möglich macht.

Benjamin Jargstorf gehe es nur vordergründig um die technischen Errungenschaften der Energiewende, schreibt der Innovationskreis in seiner Einladung. Sie eröffne vielmehr die Möglichkeit zu einem Paradigmenwechsel, der alle Aspekte des menschlichen Lebens betrifft. Jargstorfs Hypothese ist, dass es nie mehr so wie früher werden wird, also im „goldenen Zeitalter“ des Kapitalismus nach 1950 bis zu den Ölpreis- und Finanzkrisen. Sondern es sei eine umfassende Transformation notwendig, damit der Klimawandel das Leben auf der Erde nicht zur Hölle macht.

Die Veranstaltung findet statt am Freitag, 9. Juni um 19 in der Evangelischen Schule Berlin Zentrum, Wallstr. 32/Gebäude B (U-Bahn Märkisches Museum).