Ökonomen suchen ein neues Leitmotiv

„Die Welt steht vor enormen Herausforderungen – sie zu lösen, bedarf mehr als nur der Hoffnung auf die freien Kräfte des Marktes“, schreiben Ökonomen auf der Website des neu gegründeten Forum für eine neue Ökonomie.

Grundgedanke der Gruppe um den Wirtschaftsjournalisten Thomas Fricke und den Berater Simon Tilford: „Den Klimawandel zu bekämpfen, Ungleichheit abzubauen, wieder mehr in zukunftsfähige Infrastruktur zu investieren und die Globalisierungskrise zu beenden – all das wird nicht gelingen, wenn nur hier und da wirtschaftspolitisch das eine oder andere korrigiert wird.“ Vielmehr brauche es ein ganz neues Leitmotiv.

Um ein solch neues Paradigma voranzubringen, will das Forum innovative Wissenschaftler mit politischen Entscheidungsträgern und der Öffentlichkeit in und über Berlin hinaus zusammenbringen. Antworten hat das Forum noch nicht formuliert. Es kündigt aber Arbeiten zu den tieferen Ursachen der Ungleichheit von Einkommen und Vermögen in Deutschland, zur Schuldenbremse und künftigen Investitionen sowie zu den Ursachen von Populismus an.

Die Gründung des Forums fällt in eine Zeit, in der es breite Kritik am Neoliberalismus und Kapitalismus gibt. Große Teile der Klimabewegung sehen im Wachstumsparadigma einen wichtigen Grund für weiter steigende Emissionen.

Diese Kritik wird aber auch sehr deutlich von marktliberalen Kräften zurückgewiesen. Kürzlich schrieb FDP-Chef Christian Lindner im Tagesspiegel: „Wir brauchen mehr Wachstum, nicht weniger.“

Dass das Bruttoinlandsprodukt eine Erfindung von Ökonomen und nicht in Stein gemeißelt ist als Wert für eine gute wirtschaftliche Entwicklung, beschreibt die britische Ökonomin Kate Raworth in ihrem Buch „Die Donut-Ökonomie“. Sie bezieht auch Werte wie eine intakte Umwelt in ihr alternatives Modell ein.

Die Grünen halten das Bruttoinlandsprodukt für „blind“ gegenüber sozialen, ökologischen und gesellschaftlichen Konsequenzen von wirtschaftlichem Handeln. Es eigne sich deshalb nicht, die Entwicklung des Wohlstands in seiner ganzen Breite abzubilden. Ein „umfassenderes und realistischeres Bild“ versucht die Partei in einem Jahreswohlstandsbericht zu zeichnen.

EU soll bis Mitte 2018 Strategie für UN-Nachhaltigkeitssziele vorlegen

Die Europäische Union ist „entschlossen, eine führende Rolle“ bei der Umsetzung der Agenda 2030 für die nachhaltige Entwicklung mit ihren 17 Zielen zu übernehmen. Das hatten die Mitgliedstaaten im Juni in einer „Erklärung zum Konsens in der Entwicklungspolitk“ festgehalten. „Nun muss sich zeigen, was daraus wird“, schreibt der deutsche Rat für Nachhaltige Entwicklung (RNE).

Um dem selbst gesteckten Anspruch gerecht zu werden, müsse die EU eine Strategie erarbeiten, wie die Nachhaltigkeitsziele umgesetzt werden. „Das mahnten die zuständigen Minister die EU-Kommission nun an“, berichtet der RNE. In der Strategie sollen nach Willen der Minister die Zeitplanung, die Ziele bis 2030 und konkrete Maßnahmen festgelegt werden. Die Minister der EU-Mitgliedsstaaten setzten dafür sogar eine Deadline: Mitte 2018.

Neben Aktionen, um die Bürger für die Herausforderungen, vor der die Menschheit steht, zu sensibilisieren, soll es auch eine selbstkritische Analyse von Lücken geben, etwa Nachholbedarf in der europäischen Rechtsetzung benannt werden. Eine Frage dabei ist, was sich schon bewährt hat – und was nicht. Dafür hat die EU-Kommission eine Multi-Stakeholder-Plattform ins Leben gerufen. Den Vorsitz hat der Vizepräsident der EU-Kommission Frans Timmermans.

Neue Kooperationen zur Agenda 2030 gefordert

„Experten aus den Gremien und Initiativen der Mitgliedsstaaten, die eine Umsetzung der 17 Nachhaltigkeitsziele bereits mit Initiativen und Politikangeboten vorantreiben, wurden nicht berufen“, bedauert der RNE. Dabei lasse sich aus nationalen Politiken auch für die EU-Ebene viel für neue Partnerschaften lernen oder ableiten, sagt RNE-Generalsekretär Günther Bachmann. Die Kommission täte gut daran, denn sie habe einen klaren Agenda 2030-Rückstand aufzuarbeiten.

„Europa muss neue Kooperationen zur weltweiten Agenda 2030 angehen, indem es zum Beispiel das Finanzierungsvolumen fragiler und konfliktgestörter Staaten für die Agenda-Umsetzung gezielt erhöht“, sagte Bachmann. Das erfordere vor allem strukturelle und institutionelle Konsequenzen bis hin zu Agenda-Partnerschaften der Entwicklungsbanken. Innovative Finanzinstrumente seien ein entscheidendes Mittel zur Umsetzung der Nachhaltigkeitsziele.

Der Rat für Nachhaltige Entwicklung und die Deutsche Börse AG arbeiten seit Sommer 2017 zusammen, um nachhaltige Investitionen voranzutreiben. Wie man eine nachhaltige Finanzierung vorantreiben kann, hat der RNE in zehn Thesen formuliert. Zwei weitere große Rahmenwerke für die nachhaltige Finanzierung wurden 2017 veröffentlicht: Die Empfehlungen der High-Level Expert Group on Sustainable Finance, die in eine EU-Gesetzgebung münden sollen. Und die Empfehlungen der Task Force on Climate-Related Financial Disclosures an die G20, wie das Finanzsystem in Zeiten des Klimawandels robuster gestaltet werden könnte.

Die EU-Kommission richtet nun immerhin einen Europäischen Fonds für nachhaltige Entwicklung ein, den European Fund for Sustainable Development, EFSD. Der Rat und das Europäische Parlament haben dafür Ende September grünes Licht gegeben.

Erhofft: 44 Milliarden Euro bis 2020

Mit Hilfe des Fonds sollen vor allem private Investoren animiert werden, in afrikanischen und EU-Nachbarschaftsländern zu investieren – etwa in Projekte in der Energieversorgung, der digitalen Wirtschaft oder der nachhaltigen Nutzung natürlicher Ressourcen. So sollen dort Arbeitsplätze geschaffen werden. Anfangs will die EU-Kommission den Fonds mit 3,35 Milliarden Euro ausstatten. Sie hofft, damit Investitionen in Höhe von insgesamt 44 Milliarden Euro bis 2020 anzuschieben.

2019 wird die EU erstmals in New York vor dem High-Level-Political-Forum erklären, wie weit Europa mit der Agenda 2030 vorangekommen ist. Das HLPF ist eine Art Weltzukunftsrat der Vereinten Nationen: Minister und Delegierte aller Staaten kommen zusammen, um die Fortschritte zu begutachten hin zu einer Welt, in der sich in Zukunft gut leben lässt, schreibt der RNE.

Online-Plattform zeigt nachhaltigen Produktlebenszyklus

Die meisten Unternehmen betrachten die Entwicklung und Gestaltung eines Produkts über dessen Lebenszyklus getrennt voneinander. Das will das Projekt ResCoM ändern. Denn durch eine ganzheitlichen Vorgehensweise könnte man einen ökonomischen und ökologischen Mehrwert erzielen, meinen die Forscher der Bayreuther Projektgruppe Regenerative Produktion des Fraunhofer-Institut für Produktionstechnik und Automatisierung IPA.

Zusammen mit elf Partnern haben sie eine Online-Plattform entwickelt, die die vier Säulen der Produktentwicklung und Herstellung verknüpft: Die Lieferkette, das Geschäftsmodell, das Produktdesign und die dahinter stehenden IT-Systeme. Auf der Plattform bekommen Unternehmen Anreize, wie sie ihre Produkte nach der Nutzung wiederverwerten, umgestalten oder erneut anbieten können, teilen die Projektpartner mit.

Ihrer Erfahrung nach arbeitet der Großteil der Unternehmen mit einem linearen Produktionssystem: Der Produktlebenszyklus endet, sobald das Produkt defekt oder obsolet ist. Dabei ist es oft wirtschaftlicher und ökologisch nachhaltiger, die Produkte wiederzuverwerten oder aufzuarbeiten. Ziel des Ende Oktober auslaufenden EU-Projekts ResCoM (Resource Conservative Manufacturing) war es, Unternehmen zu einem in sich geschlossenen Produktlebenszyklus zu verhelfen. Nun kann die Online-Plattform von ResCoM kostenlos genutzt werden.

Wie man Produkte nachhaltiger nutzen könnte, beschreibt IPA-Projektleiter Christoph Velte an einem Beispiel: „Kinderwagen sind oft so robust, dass sie mindestens fünf Jahre halten. Allerdings benötigen die meisten Eltern ihr Modell nur ein bis zwei Jahre. Hier wäre es wirtschaftlicher, die Kinderwagen mit der Zeit umzurüsten oder Leasing-Verträge anzubieten. Voraussetzung ist aber, dass das Produktdesign und das Geschäftsmodell entsprechend ausgelegt sind.“

Das ResCoM-Konsortium aus Industrie und Forschung hat eine IT-Plattform mit mehreren Tools entwickelt, die dem Anwender Methoden für einen nachhaltigen Produktlebenszyklus aufzeigen. Damit kann er ermitteln, welche Strategien sich für ihn eignen. Auf Basis seiner Daten erhält er zahlreiche Vorschläge, wie er seine Produkte umgestalten, anders anbieten oder wiederverwerten kann. Diese können in daran anschließenden Tools weiterentwickelt werden.

Das Fraunhofer IPA hat die Ergebnisse der Online-Plattform im Rahmen von vier Fallstudien validiert. Getestet und umgesetzt wurden die Lösungen bei Herstellern von Kinderwagen, Automobilkomponenten, Unterhaltungselektronik und weißer Ware. Beim Kinderwagenhersteller Bugaboo gab es ein Pilotprojekt, bei dem Kunden ihr Modell leasen, anstatt es zu kaufen. Bezahlt wurde über eine monatliche Rate. Dieses Modell ermöglicht den Kunden, den Kinderwagen während der Laufzeit zu tauschen oder ihn mit zusätzlichen Komponenten auszustatten. „Mit dem Pilotprojekt konnten wir einige Herausforderungen von geschlossenen Produktkreisläufen identifizieren, ganz konkret beispielsweise die Transportkosten oder den Zustand der Kinderwägen nach der Nutzung“, erklärt Velte.

Bildquelle: ResCoM

Besser mit weniger Wachstum rechnen

Wachstum ist das große Ziel – auf internationalen Gipfeln, in den Wirtschaftswissenschaften, im Grundgesetz oder in den Wahlprogrammen nahezu aller Parteien. „Doch ein Wachstum, das den Menschen dient, lässt sich zunehmend schwieriger erreichen“, sagt Reiner Klingholz, Direktor des Berlin-Instituts für Bevölkerung und Entwicklung. Wie Industrienationen darauf reagieren sollten, hat das Institut in der Studie „Was tun, wenn das Wachstum schwindet“ beschrieben.

In allen Industrienationen habe sich das Wachstum in der Vergangenheit bereits erheblich reduzier, teilt das Institut mit. Zum Beispiel in Deutschland: Hier lag das jährliche Wachstum im Mittel der 1950er Jahre noch bei rund acht Prozent; es halbierte sich in den 1960ern und erreichte im Mittel der Jahre 2011 bis 2016 nur noch rund eineinhalb Prozent. Auch die ersten Schwellenländer folgen längst diesem Abwärtstrend.

Wachstumstreiber verlieren an Dynamik

Der amerikanische Harvard-Professor Lawrence Summers, ehemaliger Chefökonom der Weltbank, spricht vor diesem Hintergrund von einer „säkularen Stagnation“ – von einer Wirtschaftsschwäche, die über einen sehr langen Zeitraum anhält. Denn die wichtigsten Wachstumstreiber der Vergangenheit verlieren an Dynamik: Das Bevölkerungswachstum klingt aus, die Gesellschaften altern und die Produktivität erhöht sich trotz digitaler Revolution immer langsamer.

Konjunkturpolitik kann nicht wirken

Außerdem nehmen die Konsummöglichkeiten der unteren Einkommensschichten wegen steigender sozialer Ungleichheit ab und ökologische Schäden wirken zunehmend bremsend auf die wirtschaftliche Entwicklung. „Politiker und Zentralbanken versuchen diese strukturell bedingte Wachstumsverlangsamung mit den klassischen Instrumenten der Konjunkturpolitik zu bekämpfen – mit staatlich geförderten Investitionsprogrammen oder niedrigen Zinsen“, erklärt Klingholz. „Konjunkturpolitik kann aber strukturelle Probleme gar nicht bekämpfen. In der Folge steigen lediglich die weltweiten Schulden.“

Das Problem dabei ist, dass sich Staat, Wirtschaft und Gesellschaft lange Zeit auf ein beständiges Wachstum eingerichtet haben. Klingholz: „In unserer heutigen Organisationsform ist der Staat auf Wirtschaftswachstum angewiesen, um seine Schulden bedienen zu können oder um leistungsfähige Sozialsysteme für eine alternde Gesellschaft zu erhalten.“

Demokratien vor einer Bewährungsprobe

Auch die Wirtschaft ist abhängig von Wachstum. Ohne Wachstum sinken die Gewinnaussichten, der Investitionsbedarf geht zurück und der technische Fortschritt verlangsamt sich. Dann drohen massive Jobverluste. Wachsende Arbeitslosigkeit und eine erlahmende Wirtschaft schließlich könnten das tiefe Vertrauen der Menschen untergraben, dass es ihnen von Generation zu Generation immer besser geht. Demokratien konnten sich einst unter Wachstumsbedingungen stabilisieren, weil es mehr an breite Bevölkerungskreise zu verteilen gab. Bei einer anhaltenden Stagnation stehen sie vor einer ungewohnten Bewährungsprobe.

Dass sich aus der Wachstumsschwäche zumindest eine „ökologische Dividende“ ergibt, weil weniger Güter auf den ersten Blick auch weniger Energie- und Rohstoffverbrauch bedeuten, sei laut Klingholz nicht sicher. Nur wenn Politik und Wirtschaft künftig das Wachstum auf jene Bereiche konzentrierten, die nachweislich zu einer Verbesserung der Umweltsituation beitragen, und gleichzeitig jene Unternehmen vom Markt verschwänden, die für große Umweltschäden verantwortlich sind, hätte die säkulare Stagnation unterm Strich einen ökologischen Nutzen.

Nationen brauchen einen Plan B

Bisher ist unklar, ob es sich bei dem erkennbaren Wachstumsrückgang tatsächlich um eine säkulare Stagnation handelt. Die betroffenen Länder sollten sich aber auf jeden Fall mit einem Plan B auf eine längerfristige Schwäche vorbereiten und ihre Systeme rechtzeitig von den heutigen Wachstumszwängen befreien, fordert das Berlin-Institut. Sie müssten Mittel und Wege für ein Wohlergehen ihrer Bevölkerung bei weniger oder in Abwesenheit von Wachstum finden.

„Nachhaltigkeit suchen ist vornehme Aufgabe der Kirchen“

Mit dem Impulspapier Auf dem Weg zu einer Kultur der Nachhaltigkeit beteiligen sich die Kirchen in Deutschland an der Debatte um eine nachhaltige Verwandlung von Wirtschaft und Gesellschaft.

Das Papier regt Such- und Konsultationsprozesse unter
dem Motto „Ökumenischer Aufbruch 2030. Für eine sozialökologische Trans-
formation“ an. Grund dafür sei, dass die Menschheit durch die Verletzung planetarischer Grenzen am Scheidewege stehe, heißt es im Vorwort. „Noch ist
offen, ob es gelingt, im Anthropozän Wege zur globalen Durchsetzung einer
Kultur der Nachhaltigkeit zu finden. Sie zu suchen, ist auch vornehme Auf-
gabe von Theologie und Kirche“, schreiben die Autoren.

Kompetenzzentrum für Nachhaltige Chemie eröffnet

Im Rahmen einer internationalen zweitägigen Konferenz in Berlin wird heute das Internationale Kompetenzzentrum für Nachhaltige Chemie (ISC3) eröffnet. Die Gründung des Kompetenzzentrums geht auf eine Initiative des Bundesumweltministeriums und des Umweltbundesamtes (UBA) zurück. Was nachhaltige Chemie ist, beschreibt das UBA auf seiner Website.

Das Zentrum soll in der Chemie weltweit neues Denken, Innovationen, Kooperationen und Geschäftsmodelle anstoßen, um dem Konzept der nachhaltigen Chemie weltweit zum Durchbruch zu verhelfen, die Kreislaufwirtschaft voranzubringen und eine nachhaltige Ressourcennutzung zu bewirken.

„Die Chemie steht vor der größten Herausforderung ihrer Geschichte: im Grunde genommen muss sie sich neu erfinden, um den Weg in die Kreislaufwirtschaft zu gehen. Dabei entstehen neue Geschäftschancen, neue Arbeitsplätze und die UN Nachhaltigkeitsziele können überall erreicht werden“, sagt Friedrich Barth, Managing Director des ISC3.

Das Zentrum betreibt eine Wissensplattform, ein Experten-Netzwerk, bietet vor allem für Entwicklungsländer Trainings und Unterstützung bei der Implementierung an, betreibt „Innovation-Scouting“ für neue Technologien, neue Verfahren und neue Geschäftsmodelle.

Träger wird die Deutsche Gesellschaft für Internationale Zusammenarbeit (GIZ) GmbH sein. Ferner ist beabsichtigt, ein wissenschaftliches Zentrum, den „ISC3 Research Hub“, bei der Leuphana Universität in Lüneburg einzurichten sowie ein Innovationszentrum, den „ISC3 Innovation Hub“, bei der Dechema in Frankfurt.